Leben in einem Tag oder 100km+ laufen.

Lieber hören statt lesen? Kein Problem. Hier ist der Running Gear Podcast

Warum Laufen? In Zeiten von Corona, Kontaktbeschränkungen und Homeoffice ist Bewegung für uns um so wichtiger geworden. Bewegung an der frischen Luft hilft nicht nur unserem Geist, sondern auch unserem Körper. Laufen erlebt aktuell einen besonderen Reiz – da man alles das verbinden kann. Wir laufen am Morgen im Park, in der Mittagspause zwischen Meetings oder am Abend, um den Tag abzuschließen und den Kopf freizubekommen.

Meistens liegen die Distanzen zwischen 5 bis 10km. Es gibt aber auch einige von uns, die auf ihrer Smart-Watch folgendes angezeigt bekommt:

Auszug aus Garmin-Connect

Diese Läufer nennt man Langläufer, oder wenn sie auch mal mehr als 100km am Stück gelaufen sind – Ultraläufer. Die Frage ist: Warum läuft man so lange? Ist das überhaupt möglich?

Nun, es ist noch ganz Anderes möglich. Es gibt 24 Stunden Läufe, Menschen die 100 Meilen in unter 15 Stunden laufen, oder die 100km Weltrekorde auf dem Laufband aufstellen, wie neulich Florian Neuschwander (Spoiler: das Video geht fast 7 Stunden…spult auf 6:25 Std. vor, da wird es spannend). Was Laufen auf solchen langen Distanzen so besonders macht ist, dass es das Leben widerspiegelt. Das Leben mit allen Höhen und Tiefen, die ein erfülltes Leben eben so haben kann.

Diese Erfahrung machte ich während eines 100km Laufs von Wolfsburg nach Lüneburg (geplant war die Tour von Wolfsburg nach Hamburg. Aber das wurde an diesen Tage nichts). Nach der Arbeit ging es um ca. 15 Uhr am Mittag los. Das Wetter war gut, aber später sehr kalt und auch recht einsam. Es ging viele Kilometer am Elbe-Seitenkanal entlang. Dadurch, dass ich erst spät, also gegen 15 Uhr losgelaufen bin, wurde es sehr schnell dunkel. Und dann auch kalt. Es soll aber hier nicht um die Strecke an sich gehen, sondern vielmehr was das lange Laufen ausmacht. Wer die Tour nochmal dokumentiert nachlesen möchte, kann das hier gerne tun.

Per Aspera et Ultra.

Movement is the essence of life. And running is the essence of movement. Die ersten 10, 20, 30 Kilometer (je nach Lauferfahrung) sind noch „einfach“. Man läuft einfach, man denkt, man guckt sich um. Die Gedanken reichen von Freunden, Arbeit, Familie zu Partnern, Lebenserlebnisse…Irgendwann kommt man an den Punkt, da wird die Stimme des Geistes leiser und leiser. Man merkt das erste mal, was Laufen zur Sucht machen kann. Es ist die Stille. Es gibt nicht viel mehr als Dich, deine Umgebung, der monotone Ton deiner Laufschuhe. Hier und da wird der Geist noch einmal gefangen, dort ein Auto. Ein Reh am Waldesrand. Ein anderer Mensch, ein Läufer*in, ein Fahrradfahrer*in. Dann wird es wieder Still und man versteht was die Leute meinen, wenn sie über den sogenannten „Runner’s high“ reden. Wobei verstehen nicht ganz richtig ist – man fühlt es. Diese Grenze ist nämlich nicht überschreitbar für den Geist.

Dann kommen die ersten Momente der Erschöpfung. Der Körper meldet sich und die erste Erschöpfungsstufe ist erreicht. Hier, je nach Distanz und Erfahrung, hören die meisten Läufer auf und denken „Das reicht, ich bin fertig“. Jedoch ist dies nur eine Stufe von Vielen. Wer sich nicht weiter pusht, wer sich nicht über diese Stufe bringt, wird diese Erfahrung niemals machen. Per aspera et ultra – rau und darüber hinaus. Und liegt das lange Laufen sehr nah am Leben. Denn jeder, der schon einmal durch eine schwierige Phase in seinem Leben gegangen ist kennt dies. Sei es nach einer Trennung mit einem Partner*in, nach dem Verlust einer wichtigen Person oder vor einer Klausurenphase. In diesen Momenten kann man an den Punkt kommen, an dem man denkt „Das reicht, ich bin fertig“. Aber wenn man weitergeht, die Stufe überschreitet, wird man belohnt. Man erweitert gewissermaßen seinen Horizont. Das kann Einfluss haben auf das Selbstbewusstsein und schafft eine sehr wichtige Erfahrung: Man zeigt sich selbst, zu was man im Stande ist. Diese Erfahrung ist sehr wichtig. Die einfache und doch so schwer zu erkennende Wahrheit ist: Erfüllung erreicht man durch das Überwinden von Herausforderungen.

Lauft und lebt.

Diese Erschöpfungsstufen im Laufen sind Herausforderungen, ähnlich wie der Verlust einer Person, die man liebt. Durch die Überschreitung der Stufen lernt man, dass die eigenen Grenzen nur Subjektive sind. Es gibt aber auch Höhepunkte. Momente voller Glück und unerschöpflicher Dankbarkeit. In diesen Momenten ist man ganz nah bei sich, man ist vollkommen. Jeder Schritt fällt leicht, die Gedanken sind nur positiv, wenn überhaupt welche da sind. Man ist Gefühl und kein Kopf mehr. Diese „Runner’s highs“ Inseln der Seligkeit in dem Lauf unseres Lebens. Man kann diese Momente mit anderen Menschen erleben, ich jedoch hatte sie bis jetzt jedoch nur sehr intime und alleine. Alles ist leicht und ist richtig, alles gehört so, alles schmeckt, fühlt sich gut an und passt.

Das Schöne am langen Laufen ist nicht nur das Abenteuer, was man heute nur noch schwer erleben kann. Es sind die schweren und leichten Momente, die sich wie im Leben Schritt für Schritt abwechseln. Und man kann dieses Leben immer wieder führen. Mit jedem Tag. Man braucht sich nur die Schuhe anziehen, aus der Tür hinaus schreiten und sich auf den Weg machen. Leben, Laufen mit allem was da wohl kommen mag.

Wer einen inspirierenden Film übers lange Laufen, dem Ultrarunning sehen möchte, sollte sich den „Life in a Day“ von Billy Yang angucken.

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